Saudisch-iranische Krise im Libanon

Der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri, erst seit November 2016 im Amt, ist überraschend zurückgetreten. Er fürchte um sein Leben, da ein Attentat seitens des Iran oder der Hisbollah geplant sei erklärte Hariri bei seinem Rücktritt. Kurios ist nicht nur der Zeitpunkt seines Rücktritts, sondern vor allem die Tat­sache, dass sich Hariri zu diesem Zeitpunkt in Saudi-Arabien befunden hatte. Seit seinem Rücktritt vergangene Woche befindet sich Hariri in der saudischen Hauptstadt Riyad. Das sorgt für Spannungen zwischen Saudi-Arabien und dem Libanon: der libanesische Präsident Michel Aoun forderte Aufklärung darüber, was Hariri daran hinderte, Riyad zu verlassen. Auch der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, erklärte, dass er sich weigerte, Hariris Rücktritt anzuerkennen und warf Saudi-Arabien vor, diesen gegen seinen Willen festzuhalten.

Auch der Iran meldete sich zu Wort: Der erzwungene Rücktritt Hariris sei Teil eines Plans, Spannungen in der Region zu erhöhen. Gänzlich unbegründet ist dieser Vorwurf nicht, immerhin konkurriert Saudi-Arabien mit dem Iran nicht nur in Syrien, sondern auch im Jemen, im Irak und in Qatar um Einfluss. Doch der saudische Einfluss wird ob all dieser Konflikte nicht größer, im Gegenteil. Gerade der Jemen zeigt beispielhaft, wie stark der Versuch, den Einfluss des Iran zu minimieren, Teheran umso mehr Chancen eröffnet, seinen Einfluss zu vergrößern. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist doch der iranische Einfluss in der Region das, was Riyad am meisten fürchtet. Also versucht man, den Konflikt auf den Libanon auszuweiten.

Zunehmend in seiner Nachbarschaft vom Iran in die Ecke gedrängt, tritt Saudi-Arabien nun die Flucht nach vorne an. Weil MBS sich aus dem Krieg mit dem Jemen nicht mehr zurückziehen kann, weil er in Katar nicht weiter kommt, weil für ihn in Syrien derzeit nichts mehr zu holen ist und weil der Irak verloren ist, eröffnet der saudische Kronprinz eine neue Front mit der Hisbollah im Libanon.

Karim el-Gawhary

Der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman (auch „MbS“ genannt) steht hinter dieser risikofreudigen saudischen Außenpolitik. MbS will Saudi-Arabien reformieren, es modernisieren und dabei seine Macht ausbauen bzw. festigen. Dies äußert sich jedoch auch in einer proaktiven und konfrontativen Außenpolitik, die an die Stelle einer Politik der Minimierung außenpolitischer Risiken tritt. Denn es stimmt, der Iran hat seinen Einfluss ausbauen können. Nachdem Saudi-Arabien es nicht einfach zulassen kann, dass der iranische Einfluss, ob real oder nur wahrgenommen, bis zum Mittelmeer reicht, versucht man nun, diesem verstärkt entgegenzutreten.

Im Libanon bedeutet das, einen Konflikt zu schüren, um den fragilen Kompromiss, den Hariri selbst eingegangen war, zum Einsturz zu bringen. Ohne Hariri, ein Sunnit, bleiben nur Michel Aoun, ein maronitischer Christ, und die Hisbollah als einflussreiche Fraktionen im libanesischen System bestehen. Dass das einen Konflikt auslöst, ist derzeit aber nicht abzusehen, denn die libanesischen Parteien demonstrieren erstaunliche Einigkeit in ihren Protesten gegen Saudi-Arabiens Vorgehensweise. Die Ironie ist, dass sich Saudi-Arabien nicht leisten kann, auch den Libanon an den Iran zu verlieren. Genau das ist allerdings der derzeit wahrscheinlichste Ausgang der Krise.

Bild: Alexandros Michailidis/Shutterstock.com

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